So geht’s richtig: ß, SS und Versal-Eszett in Typografie und Rechtschreibung

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  • 10. Oktober 2016
ß, SS und Versal-Eszett in der Typografie

Wenn man dem Einwohnermeldeamt meines Heimatwohnsitzes glauben darf, dann wohne ich in der „PARKSTRAßE.“ Darüber ärgere ich mich jedes Mal, denn oft erscheint das „ß “ – vor allem im Behördendeutsch – im Versalsatz wie ein „B“. Besser wäre es, man würde in der Schweiz wohnen, denn in der schweizerischen Rechtschreibung gibt’s das „ß“ gar nicht. In Deutschland (und in Österreich) müssen wir uns typografisch jedoch damit auseinandersetzen. Deshalb im Folgenden ein paar Tipps, Hinweise und Empfehlungen rund ums „ß“.

Seit 2017 ist das Versal-Eszett in der deutschen Rechtschreibung gültig
Den Wunsch nach einem Großbuchstaben für das „ß“ äußerte der Duden bereits in einer Rechtschreibempfehlung im Jahre 1925. Aus dem Wort „Straße“ sollte im Versalsatz „STRASZE“ werden. Seit 2017 ist in der deutschen Rechtschreibung im Versalsatz zwar die Schreibweise des Versal-Eszett nun endlich gültig, jedoch schreibt man das kleine „ß“ auch als „SS“.

Adobe InDesign kann’s richtig
Im oberen Bildbeispiel wurde das Eszett als Kleinbuchstabe für den Versalsatz verwendet und nicht gewandelt. Wenn Sie einen Text in InDesign setzen, diesen aktivieren und mittels Steuerungsleiste in Großbuchstaben umwandeln, ersetzt Adobe InDesign das „ß“ automatisch durch die korrekte Schreibweise „SS“. Wenn der Font nicht über die Glyphe Eszett verfügt oder Sie aus ästhetischen Gründen kein Eszett im Versalsatz anwenden wollen, sind Sie mit dieser Methode auf der sicheren Seite.

Automatische Umwandlung von ß in SS
Das Versal-Eszett als Alternative zur Schreibweise „SS“
In der Tat verfügen manche Satzschriften über ein Versal-Eszett als Glyphe, das als alternative Schreibweise von „SS“ verwendet werden darf. Dabei gibt es für das Versal-Eszett keine feste Tastaturbelegung, sondern Sie finden das Zeichen in InDesign unter: Menü / Schrift / Glyphe / Einblenden: Alternativen für Auswahl. Inwieweit das Versal-Eszett jedoch gestalterischen Sinn macht und ob es sich typografisch harmonisch in den Titelsatz integriert, das sollten Sie als Designer selbst entscheiden. Hier einige Beispiele mit der PT Sans Caption aus der Fontschmiede ParaType aus Kalifornien:
Richtung und falsch: Einsatz von ß, SS und Versal-Eszett in Schriften
Worin unterscheiden sich typografisches Eszett und Versal-Eszett?
Am deutlichsten unterscheidet sich das Versal-Eszett vom Eszett in der Typometrie an der Oberlänge. Das Versal-Eszett hat als Großbuchstabe die gleiche Höhe wie andere Großbuchstaben. Das normale „ß“ hingegen ist ein Kleinbuchstabe und weist somit die gleiche Oberlänge wie „b“, „d“ oder „l“ auf. Auch gestaltet sich das Versal-Eszett meist viel eckiger und passt sich gestalterisch mehr den restlichen Großbuchstaben an (oder versucht es meistens zumindest). Hier ein direkter Vergleich:
Oberlängenvergleich zwischen Eszett und Versal-Eszett
Fazit: „ß“ und Versal-Eszett in Rechtschreibung und Typografie


  • Laut Duden wird „ß“ seit der Rechtschreibreform von 1996 im Versalsatz als „SS“ geschrieben.
  • Das Versal-Eszett ist in der deutschen Rechtschreibung seit 2017 verankert.
  • Das Versal-Eszett ist aber als alternative Schreibweise zu „SS“ im Versalsatz möglich.
  • Es gibt keine einheitliche Tastaturbelegung für ein Versal-Eszett.
  • Wenn Sie ein Versal-Eszett verwenden möchten, achten Sie darauf, dass es sich um ein echtes, eigens entworfenes Zeichen handelt. Machen Sie den Oberlängen-Verglich!
  • Sollten Sie eine Publikation für den Schweizer Sprachraum anlegen, muss das „ß“ generell durch die Schreibweise „ss“ ersetzt werden – auch nach einem langen Vokal wie zum Beispiel in dem Wort „Strasse“.

Meine Empfehlung
Das Versal-Eszett ist als Zeichen in vielen Fonts weiter auf dem Vormarsch und seit 2017 in der deutschen Rechtschreibung gültig. Ich finde diese Alternative zu „SS“ brauchbar, wenn es den Schriftdesignern gelungen ist, aus dem eigentlichen Kleinbuchstaben einen Versalbuchstaben zu entwickeln, der sich in den restlichen Versalsatz optisch integrieren lässt. Ich verwende ein Versal-Eszett eher bei Titeln oder Markenlogos. Grundsätzlich sollten Sie Titelsatz und Absatztext nicht mit SS und dem Eszett mischen, sondern sich für eine einheitliche Variante entscheiden.

Mehr Beispiele und Erläuterungen zu dem Thema gebe ich in meinen TypeSCHOOL-Workshops Profi werden in Typografie und Layouttechnik mit Adobe InDesign und Typografie und Layout im Kommunikationsdesign zur Vertiefung.

Eine kurze Frage an Sie habe ich noch:
 Weshalb verwenden wir häufig – vor allem im Behördendeutsch – im Versalsatz anstelle von „SS“ ein kleines „ß“? Gibt es dafür eine Erklärung? Schreiben Sie ganz unten einen Kommentar dazu!

3 Comments

  • Axel sagt:

    1. Das Versal-SS hat einen geschichtlichen Beigeschmack
    2. Ich spreche den Vokal davor automatisch kurz aus und nicht lang. (Also Strasssssse, statt Straaaaaaße)

  • Danke für diesen ebenso sinnvollen wie korrekten Beitrag. Es erstaunt mich immer wieder, wie häufig das “ß” im Versalsatz zu sehen ist – selbst bei ansonsten schön typografierten Texten.

  • patrizia zannini sagt:

    Weil man es einfach falsch ausspricht. (Hat Axel auch schon angemerkt).
    Fuß. FUSS

    Da ich es nicht mit SS schreiben wollte, würde ich das Wort immer “umgehen”.

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