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Wenn Buchstaben über den Rand tanzen — der optische Randausgleich im Blocksatz und Flattersatz

By 15. Februar 2026No Comments

Haben Sie schon einmal einen Text im Blocksatz betrachtet und gedacht: „Irgendetwas stimmt mit der rechten Satzkante nicht“? Oder sich gefragt, warum ein großes „V“ am Anfang eines Flattersatzes wie eingerückt wirkt?

Gerade bei Serifenschriften in leichten Strichstärken entstehen an linken Satzkanten häufig kleine optische Lücken. Einzelne Buchstaben oder Satzzeichen scheinen Einzug zu halten – die Satzkante wirkt unruhig, manchmal sogar „löchrig“.
Hier kommt der optische Randausgleich ins Spiel – eine eher unscheinbare Funktion in Adobe InDesign, die jedoch einen enormen Unterschied im typografischen Satzbild macht. Diese Funktion sorgt dafür, dass bestimmte Buchstaben und Satzzeichen am Zeilenanfang oder Zeilenende minimal über den Textrahmen hinausragen. Dadurch erscheinen die Satzkanten optisch gerade, ruhig und ausgewogen.
Man könnte sagen: InDesign spielt Setzermeister.

Der optische Randausgleich im Detail

Im Flattersatz
Besonders deutlich zeigt sich der Effekt im Flattersatz an der linken Satzkante. Buchstaben mit ausgeprägten Spitzen – etwa „A“, „V“ oder „T“ – erzeugen ohne Randausgleich optische Einzüge. Die Zeilen beginnen mit kleinen „Zacken“, die den Lesefluss stören.
Ist der optische Randausgleich aktiviert, werden diese Buchstaben minimal über den Rand hinausgestellt. Die linke Satzkante wirkt dadurch geschlossen und harmonisch – die störenden Unregelmäßigkeiten verschwinden.

Unten: Beispiel 1 Flattersatz ohne und mit Optischer Randausgleich (mit Hilfslinie zur besseren Ansicht)

Unten: Gleiches Beispiel 2 Flattersatz ohne und mit Optischer Randausgleich (zur besseren Beurteilung ohne Hilfslinie)

Im Blocksatz
Im klassischen Blocksatz sind typografische Regeln zu beachten – etwa, dass maximal drei Trennstriche (Divise) untereinander stehen dürfen.
Besonders auffällig ist hier die rechte Satzkante: Stehen Komma, Punkt, Gedankenstrich oder Semikolon am Zeilenende, erzeugen sie optische Einzüge. Mit aktiviertem Randausgleich werden diese Zeichen leicht über den Textrahmen hinausgestellt.
Das Ergebnis: Die rechte Blocksatzkante wirkt deutlich ruhiger, gleichmäßiger und eleganter. Erst der optische Randausgleich verleiht dem Blocksatz seine wirkliche typografische Qualität.

Oben: Beispiel 1 Blocksatz ohne Optischer Randausgleich (zur besseren Darstellung mit blauer Hilfslinie)

Oben: Gleiches Beispiel 2 Blocksatz ohne Optischer Randausgleich (zur besseren Beurteilung ohne Hilfslinie)
Die rechte Satzkante des Blocksatzes wirkt fast wie ein Flattersatz.

Oben: Beispiel 3 Blocksatz mit Optischer Randausgleich (zur besseren Darstellung mit blauer Hilfslinie)

Oben: Beispiel 4 Blocksatz mit Optischer Randausgleich (zur besseren Beurteilung ohne Hilfslinie)
Erkennen Sie zum vorherigen Beispiel 2 ohne den Randausgleich den Unterschied? Der Blocksatz in Beispiel 4 läuft an der rechten Satzkante nun ausgewogen und ergibt ein perfektes Blockbild.

So aktivieren Sie den Optischen Randausgleich in Adobe InDesign
1. Textrahmen oder gewünschten Absatz markieren
2. Menü Schrift → Textabschnitt öffnen
3. Optischer Randausgleich aktivieren
Praxis-Tipp: Sie können den optischen Randausgleich auch bereits bei einem leeren Textrahmen einschalten. Der später einfließende Text wird dann automatisch berücksichtigt.

Mögliche Kritikpunkte
Gelegentlich wird der optische Randausgleich von Auftraggeberinnen und Auftraggebern kritisch gesehen. Besonders Anführungszeichen am Beginn einer Textspalte – im Flattersatz wie im Blocksatz – wirken durch das bewusste „Herausstellen“ für manche Betrachter zu weit aus der Textbox gerückt.
Seit Jahren wünschen sich Typografinnen und Designer eine getrennte Steuerung für linke und rechte Satzkanten. Eine entsprechende Erweiterung der Funktion in Adobe InDesign steht jedoch bislang aus.

Ein Blick in die Geschichte
Der optische Randausgleich ist keineswegs eine Erfindung des digitalen Zeitalters. Bereits im Handsatz der Bleisatztechnik war es möglich, im Blocksatz an der rechten Satzkante einen optischen Ausgleich vorzunehmen – allerdings mit erheblichem Aufwand.
Ich erinnere mich gut daran, wie ich 1977 im dritten Lehrjahr meiner Ausbildung zum Schriftsetzer in diese mühevolle und zeitraubende Technik eingeführt wurde. Diese Form der Verfeinerung wurde auch als typografischer Feinsatz bezeichnet und mit Aufschlag berechnet.
Wer mehr darüber erfahren möchte, findet weitere Hintergründe in meinem Blogbeitrag „Optischer Randausgleich macht den Blocksatz schön“.

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