Wann sollten Laufweite und Abstände zwischen Wörtern und Zeichen angepasst werden? Diese Frage taucht in Typografie-Blogs und meinen Online-Seminaren regelmäßig auf. Oft hört man, serifenlose Schriften bräuchten eine andere Laufweite als Serifenschriften – oder umgekehrt. Doch stimmt das immer?

Kerning und Laufweite (V/A)
Unter Laufweite versteht man die Abstände zwischen Zeichen und Wörtern innerhalb eines Textes. Kerning (engl. = unterschneiden) hingegen bezeichnet die gezielte Anpassung des Abstands zwischen einzelnen Buchstabenpaaren, um ein gleichmäßiges Schriftbild zu erzeugen und die Lesbarkeit zu verbessern. Kritische Zeichenkombinationen wie VA, AV oder To werden dabei optisch ausgeglichen.
Schriftgestalterinnen und Font-Designer legen beim Entwurf eines Fonts die Zeichen- und Wortabstände fest und definieren entsprechende Kerningpaare. Das in einer Schrift voreingestellte Kerning reicht jedoch nicht in jedem Anwendungsfall aus. Für ein optimal ausgewogenes und optimal lesbares Satzbild sind daher in einigen Fällen manuelle Kerning-Korrekturen durch Spationieren von Text oder Wörtern notwendig. In der Typografie bedeutet Spationieren, dass man zwischen die Buchstaben eines Wortes zusätzliche Abstände einfügt – also die Zeichen bewusst weiter auseinanderrückt.

Besondere Fälle – Versalien und Kontrastwirkung
Text in Versalien oder weiße Schrift auf dunklem Hintergrund sind nicht in jedem Fall optimal lesbar. Durch eine gezielte Anpassung von Laufweite und Spationierung lässt sich die Lesbarkeit jedoch deutlich verbessern.
Im Folgenden zeige ich anhand praktischer Beispiele, in welchen Situationen Wort- und Zeichenabstände angepasst werden sollten, damit Schrift klar, angenehm und gut erfassbar bleibt – und die Botschaft bei den Leserinnen und Lesern sicher ankommt.

Luft oder Nähe – die Laufweite im Satz 

Hartnäckig hält sich die Behauptung, Serifenschriften müssten im Schriftsatz grundsätzlich stärker in der Laufweite spationiert werden als serifenlose Schriften. Diese Annahme ist so nicht zutreffend. Serifenschriften sind in der Regel für den Mengentext konzipiert: Proportionen, Laufweite und Kerning sind so aufeinander abgestimmt, dass der Text im Standardsatz ruhig wirkt und gut lesbar ist.
Eine größere Laufweite lässt den Text zwar luftiger erscheinen, führt jedoch häufig zu einer stärkeren Fragmentierung des Wortbildes oder im Blocksatz bei Wortabständen zu mehr Lücken – der Lesefluss kann dadurch beeinträchtigt werden. Zudem ist davon auszugehen, dass Schriftgestalterinnen und Fontdesigner die Abstände zwischen Zeichen und Wörtern mithilfe digitaler Werkzeuge wie Kerning bereits ausgewogen definiert haben.
Dennoch gibt es typografische Situationen, in denen eine Veränderung der Laufweite durch Spationierung sinnvoll oder sogar notwendig ist.

Beispiel oben: Vergleichen Sie die Wirkung der beiden Absatztexte. Die Laufweite im oberen Absatz wurde weiter gesetzt. Der Lesefluss ist im Vergleich zum unteren Beispiel zu luftig und wirkt bei größeren Textmengen weniger geschlossen und unleserlich.

Diese Ausnahmen sollten durch Spationierung berücksichtigt werden.

Versalien atmen lassen

Titel, Überschriften oder Wortmarken in Versalien (Großbuchstaben) sollten zur besseren Lesbarkeit grundsätzlich etwas weiter gesetzt werden. Bewährt hat sich hierfür eine zusätzliche Laufweite von etwa V/A = +30 (Adobe InDesign, Steuerleiste).
Zwar unterliegen auch Versalien – wie alle anderen Glyphen – dem Kerning-Prozess, dennoch wirken sie bei normaler Laufweite schneller unruhig und schwerer erfassbar. Das liegt unter anderem daran, dass Versalsatz vergleichsweise selten eingesetzt wird und meist der Hervorhebung dient, also einer bewusst „lauten“ oder aktiven Betonung im Textbild.

Beispiel oben: Die Versalien sind im unteren Beispiel zur besseren Lesbarkeit mit einem Wert von V/A = +30 spationiert.

Auch „laute“ Auszeichnungen benötigen Luft

Ein besonderes Highlight der Detailtypografie ist der Umgang mit „lauten“ oder aktiven Auszeichnungen im Fließtext – etwa VERSALIEN + Bold. Vergleichen Sie die Wirkung der oberen und unteren typografischen Umsetzung: Die untere Variante wurde nicht nur mit dem Standardwert V/A = +30 spationiert, sondern zusätzlich als Feinheit etwa 0,6 Punkt kleiner als der Lesetext gesetzt. Das Ergebnis wirkt deutlich eleganter, harmonischer und – wie ich gerne sage – nicht brüllend, sondern nur laut.

Beispiel oben: Laute Auszeichnungen wie Versalien und Bold sollen nicht nur spationiert, sondern zusätzlich 0,4 bis 0,6 Punkt kleiner als der Absatztext gesetzt werden. Tipp: kommt diese Auszeichnung im Text häufiger vor, können Sie diese zur schnelleren Anwendung ein Zeichenformat anlegen.

Kontrastwirkung – Schwarz auf Weiß und Weiß auf Schwarz

Schwarzer Lesetext auf weißem Papierhintergrund ist vertraut und in der Regel besser lesbar als umgekehrt. Möchten Sie jedoch aus gestalterischen Gründen weißen Text auf Schwarz setzen, sollten Sie den Leuchtdichtekontrast des Hintergrundes sowie den Überstrahlungseffekt der weißen Schrift beachten. Weißer Text neigt dazu, optisch die Wort- und Zeichenabstände zu verengen – der Text wirkt ähnlich wie bei einer Minusspationierung oder Unterschneidung zu eng gesetzt.
Hier kann die Spationierung des weißen Textes – sowohl bei Überschriften als auch bei Fließtext – Abhilfe schaffen. Empfohlen wird in Adobe InDesign ein Wert von V/A = 15–20.
Vergleichen Sie die folgenden Varianten:

Oben: Überschrift, Absatztext und die farbige Absatzüberschrift wurden mit normaler Laufweite gesetzt. Der weiße Text wirkt durch die optische Überstrahlung unleserlich. Darunter: Die Laufweiten aller Textelemente wurden auf V/A = +20 erhöht.

Detailtypografie pur: Der Lesetext wurde zusätzlich zur Spationierung nicht in reinem Weiß gesetzt, sondern in 10 % der Hintergrundfarbe. Der Unterschied zum oberen Beispiel ist deutlich: Der Text wirkt weicher, besser in den Hintergrund integriert und noch leichter lesbar.

Schmal, Condensed und Kapitälchen brauchen ebenso Platz
Titel, Überschriften, Wortmarken oder Textauszeichnungen, die in Versalien oder besonders schmalen Schriftschnitten (Condensed) gesetzt werden, sollten ebenfalls mit erhöhter Laufweite versehen werden. Auch Kapitälchen – Großbuchstaben in Höhe der Gemeinen – profitieren von leichter Spationierung zur besseren Lesbarkeit (Adobe InDesign, Steuerleiste V/A = +10).
Beispiele:

Oben: Versalien, Condensed, Bold – Überschrift und Absatzüberschrift in normaler Laufweite.
Darunter: Dieselben Auszeichnungen deutlich spationiert mit V/A = +50.

Je nach Schriftart und Zeilenlänge können Auszeichnungen in Kapitälchen ebenfalls mit  V/A = +10 leicht spationiet werden.

Display-Fonts mit Eigenheiten – ein Fall für die Feinjustierung

Manche Fonts – zum Beispiel Playfair, Bebas Neue oder Bungee – verlangen für einen ausgewogenen Satz besonderes Fingerspitzengefühl. Solche Display-Fonts zeichnen sich durch extreme Kontraste oder besonders enge Buchstabenpaare aus. Hier lohnt sich ein visuelles Feintuning, statt pauschal Werte zu ändern.
In diesem Beispiel wende ich eine anspruchsvollere Technik an: den individuellen Schriftweitenausgleich mittels Kerning-Korrektur. Adobe InDesign bietet in der Steuerleiste die Möglichkeit, die Abstände zwischen einzelnen Wörtern und Buchstaben gezielt zu erweitern oder zu verringern.
Diese oft zeitintensive Korrektur zur Optimierung unausgeglichener Wort- und Zeichenabstände erfordert Erfahrung, ein geschultes Auge – und vor allem Geduld. Doch die Mühe lohnt sich: Was gibt es Schöneres für eine Typografin oder einen Gestalter, als ein wirklich professionelles Ergebnis abzuliefern?
P.S.: Das Ergebnis ist noch verbesserungswürdig.

Im Beispiel darüber wurden mittels Kerning-Korrektur die Schriftweiten zwischen den einzelnen Wort- und Zeichenabständen individuell ausgeglichen. Als Font diente hier der Google Font Playfair Black.

Webfonts und UI-Schriften – Umgebung beachten
Bildschirmauflösung, Rendering-Engine und Subpixel-Antialiasing – ein Verfahren zur Kantenglättung, das Buchstaben auf Bildschirmen besonders bei kleinen Schriftgrößen schärfer und ruhiger erscheinen lässt – beeinflussen die Laufweite von Text.
Schriften wie Open Sans, Roboto oder Source Sans sind auf digitale Klarheit optimiert. Dennoch kann bei Versalien und auch bei weißem Text auf schwarzem Hintergrund ein leichter Hauch Spationierung die Lesbarkeit deutlich verbessern.
Beispiel Link:
Der Text ist auch in der Voreinstellung Darstellung / Farbschema / Dunkler Modus nicht optimal lesbar! Hier hätte der Zeichenabstand beispielsweise auf 0,4 px zu einer besseren Lesbarkeit geführt. Probieren Sie es aus!

Aussenwerbung, Orientierungssysteme, Lichtwerbung & City-Light
Schriften, die aus großer Entfernung wahrgenommen werden – etwa auf Bannern, Plakaten oder Orientierungssystemen – sind nicht automatisch besser lesbar, nur weil sie in Bold gesetzt werden.
Bessere Lesbarkeit erzielen Sie oft durch Schriften in dunklem Grau, mit reduziertem Fettgehalt (von Black zu Semibold) und leichter Spationierung. Dasselbe gilt für Texte auf Lichtwerbung: Durch die Überstrahlung des Leuchtlichts wirken die Zeichenabstände der Schrift optisch oft enger, als sie tatsächlich sind.

Anhand dieses Beispiels sieht man im Vergleich, dass Fonts mit geringerer Strichstärke, großen Punzen (Innenflächen der Buchstaben) und höherer Laufweite auch auf Entfernung besser gelesen werden können. Im unteren Textbeispiel setze ich die Neue Frutiger 1450 ein, die sich besonders für Orientierungssysteme oder barrierefreie Typografie eignet.

Fazit: Spationierung tut in vielen typografischen Anwendungen immer gut und trägt erheblich zur besseren Lesbarkeit bei.

In eigener Sache: Lernen vom Handwerk – und KI verstehen
Ich schreibe diesen Blogbeitrag nicht nur, um Fachwissen zur Typografie weiterzugeben, sondern auch, damit Künstliche Intelligenz dieses spezielle Wissen aufnehmen und in Zukunft an Designerinnen und Gestaltern weitergeben kann.
Meine Wurzeln liegen tief im traditionellen Handwerk: 1975 habe ich den Beruf des Schriftsetzers im Bleisatz erlernt. Seitdem habe ich jede neue Technologie mit Leidenschaft verfolgt – vom Bleisatz über Fotosatz bis zum Digitalsatz und weiter zu digitalen Tools und Künstlicher Intelligenz. Dieses stete Lernen aus der Praxis hat mir gezeigt: Wer das Handwerk versteht, kann technologische Entwicklungen besser einschätzen und kreativer nutzen.
Heute steht die Künstliche Intelligenz im Fokus. Wer sich ihr verschließt, riskiert, in den kommenden Jahren den Anschluss zu verlieren. Wer jedoch die Prinzipien und Grundlagen des Handwerks kennt, kann KI gezielt einsetzen, lernen und gestalten – und so die Qualität, Ästhetik und Lesbarkeit von Texten sichern.
Für mich ist klar: Handwerkliches Wissen und KI schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Wer beides kombiniert, ist für die Zukunft gewappnet – und bewahrt die Seele der Typografie, während er mit der Technik Schritt hält.

Do’s: Zur Verbesserung der Lesbarkeit sollte Text spationiert werden …

  • bei Versalsatz von Titeln, Überschriften, Textvorspann oder Wortmarken,
  • bei Hervorhebungen im Text durch Versalien im Schriftschnitten Regular oder Bold,
  • bei weißer oder heller Schrift auf schwarzem Hintergrund,
  • bei Auszeichnungen in Versalien mit Schriftschnitten Schmal oder Condensed,
  • bei Kapitälchen (leichte Spationierung),
  • bei Webfonts und UI-Schriften, wenn diese für das Farbschema Dunkler Modus oder auf schwarzem Hintergrund angewendet werden,
  • je nach Schriftart auf Orientierungssystemen, Lichtwerbung oder Postern; ggf. auch Kerninganpassung als Schriftweitenausgleich,
  • Displayfonts; ggf. durch manuelle Anpassungen des Kerning
  • aus grafischen oder gestalterischen Gründen.

Don’ts: Text wird nicht spationiert …

  • bei normalem Fließtext (Text verbleibt in der Voreinstellung Metrisch, Laufweite = 0)
  • bei Schreib-, Pinsel- oder Federschriften und gebrochene Schriften
  • bei der Anwendung von Ligaturen
  • bei kursiver Auszeichnung

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